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Gehobene Gesellschaft

Hallo,
 
hier ein weiterer Artikel aus den Memoaren Christian Bruns'.
In Schnellform, es ist Freitagmittag, ich habe gestern gearbeitet, habe bei den Leuten Lunch und Dinner bekommen, dazu ganz gut verdient und im Hostel meinen Autoschlüssel verloren. Aber ich hab noch den Ersatzschlüssel.
Jetzt in Lang:
Es ist immer noch Freitagmittag und ich habe immer noch gestern gearbeitet. Bei einem Privathaus 50m vom Hostel entfernt. Um 9 Uhr gings los und es war Gartenarbeit. Das Grundstück ist riesengroß, ich schätze etwa 10ha, aber kein gepflegter Garten, sondern eine große Wiese. Da stehen zwei Kühe drauf, ein Pferd, einige Hühner... Und am Rand stehen Bäume, die wir beschnitten haben, damit die nicht ständig den Elektrozaun kaputtmachen. Der Besitzer (Robert) ist Mitte 60, im Ruhestand und der Gesamteindruck ist, dass er sich um Geld niemals mehr Sorgen machen muss. Und seine nächsten Generationen auch nicht. Und er ist ein Kettensägenfreak. Hat vier Stück, kennt jedes Modell und auch sonst sind Kettensägen sein Hobby. Nur hat er seinen Rücken kaputt, weshalb er die wegen den Vibrationen nicht mehr benutzen kann. Früher standen auf dem Grundstück Gumtrees. Das Harz dieser Bäume ist ein begehrter Rohstoff für ein spezielles Gummi, aber seitdem Robert die nicht mehr selbst bewirtschaften konnte, hat er die nach und nach abgeholzt. Wir haben die Bäume beschnitten, die Zweige weggebracht, den Zaun überall, wo es notwendig war, repariert und bei seinem Nachbarn noch einige Zweige abgeschnitten, die den Zaun akut bedroht haben. War richtig harte Arbeit, aber hat Spaß gemacht. Auch, weil Robert ein witziger Mensch ist. Genug verdient habe ich auch für einen Tag. Es gab Mittagessen, eine Teepause am Nachmittag und nach der Arbeit noch Bier. Dabei haben er und seine Frau mich zum Abendessen eingeladen. Da musste ich die beste Jeans und das beste T-Shirt raussuchen und nicht wie sonst die oberste Jeans und das oberste T-Shirt.
Das Abendessen rechtfertigt dann die Überschrift dieses Artikels. Robert und Sue waren natürlich da. Und DEREN BUCHHALTER!!!
Es muss sich ja auch irgendwer um die ganzen finanziellen Sachen der 7 Häuser kümmern, die er vermietet. Er selber streitet sich nämlich lieber mit der Mormonenkirche in den USA rum. Robert betreibt eine Website, ich glaube, die heißt familysearch.co.nz und die Mormonenkirche in den USA hat sich den Namen schützen lassen. Genau bin ich in den ganzen Regeln auch nicht drin, aber irgendwie nur als Gebrauchs-/Geschmacksmuster und nicht den Namen an sich. Keine Ahnung. Auf jeden Fall klagen die seit vier Jahren gegen die NZ-Website und haben bisher immer verloren. Aber entweder gab es ein Sprachmissverständnis zwischen Robert und mir
oder die Gericht laufen hier wirklich anders als in D. Angeblich hat die Kirche Robert jetzt zum dritten Mal vor einem anderen Gericht des gleichen Levels wegen der gleichen Sache verklagt. Gehts noch? Muss man in D nicht immer eine Stufe höher gehen, wenn man mit dem Urteil nicht zufrieden ist? Also Amts-, Land-, Oberlandesgericht und dann der BGH? In manchen Fällen noch EuGH? Auf jeden Fall scheint diese Gerichtsverhandlung Robert voll und ganz in Anspruch zu nehmen. Der hätte gar keine Zeit für richtige Arbeit. Für die Website lebt der auch. Dort kann man verlorene Verwandte suchen. Aber nicht irgendwie automatisch, sondern Robert sieht sich den Fall an und recherchiert persönlich, manchmal über Monate. Und alles nur für seine Ausgaben, die Zeit steckt er da rein, weil er es mag. Darüber haben wir dann während des Abendessens geredet, über seine Verwandschaft, die in der ganzen Welt verstreut ist. Über Politik, Religion, natürlich über D, GB und NZ. Ach ja, Robert kommt aus England, ist aber schon als kleiner Junge hierhingekommen. Und egal mit wem man redet, das Thema Hitler/2. Weltkrieg/Rassismus oder so etwas Ähnliches kommt immer. Nicht, dass irgendwer Deutschland jetzt noch einen Vorwurf macht oder uns deshalb nicht mag, aber die generellen Fragen dazu und die heutige Situation sind bei ersten Gesprächen immer dabei. Da kann auch jeder normal drüber sprechen oder Witze drüber machen. Nur wir Deutschen machen uns da viel zu viele Gedanken. Vielleicht schließe ich auch nur von mir auf andere. Ach ja, Abendessen. Es gab Roasted Lamb mit Kumara (NZ-Süßkartoffeln), Kürbis und Gemüse, sehr lecker. Mit klassischer Musik, nur der Kerzenleuchter hat gefehlt, dann wären alle Klischees erfüllt gewesen. Aber insgesamt ein guter Tag. Leckeres Essen, gute Gespräche und alles in einem sehr großen und schönen Haus.
Das war der Abend, ansonsten habe ich meinen Autoschlüssel verloren, mist. Klar habe ich noch den Ersatzschlüssel, so kann ich fahren und so, aber ich habe Angst, dass mir irgendwer die Sachen aus dem Auto klaut oder gleich das ganze Auto. Außerdem darf das dann jetzt nicht mehr passieren, weil ich keinen weiteren Ersatzschlüssel mehr habe.
Gestern habe ich gehört, dass eine Frau hier klaut. Ein Typ aus Wales hat seine Hose aus was weiß ich für Gründen ausgezogen und da war sein Portmonee drin. Die Frau hat das Portmonee aus der Hose genommen, das Geld rausgenommen und wieder reingesteckt. Die Sache hat 5 Minuten gedauert und er saß neben der Hose, nicht dass er die Hose irgendwie alleine gelassen hätte. Ein Kumpel von ihm hat das gesehen, der Typ hat sie drauf angesprochen und sie hat nur gesagt: "Ach, das ist deins, dann gebe ich die das Geld natürlich wieder, ich hab das Portmonee nur gesehen und das Geld rausgenommen." Als wäre das die normalste Sache der Welt. Absolut schamlos. Jetzt muss ich nur noch rauskriegen, wer Tess (die Diebin) ist. Aber ich bin mir sicher, dass der Waliser mir die mit Freunden zeigt. Er kann die nämlich seitdem auch nicht mehr leiden. Zumindest hörte er sich beim Erzählen so an.
Für keine zwei Tage ist doch schon wieder einiges passiert. ich bleibe noch mindestens eine Woche hier. Jetzt sagen auch die Arbeitgeber, dass es Anfang nächster Woche losgeht.
OK, es ist ein Tag später und jetzt heißt es, dass die nächste Woche immer noch nicht gearbeitet wird. Reicht, ich fahre morgen nach Auckland, mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee, den schlechten, aber sicheren Job in Blenheim aufzugeben.
Aber ein Kumpel in Auckland hat mir gesagt, dass ich dort sicher was finde. Bei einer Zeitarbeitsfirma auf dem bau oder im Hafen oder so. Das wird dann aber ein körperlich extrem harter Job, egal. Hauptsache es kommt was rein.
Was ich noch vergessen habe zu erzählen. Robert und Sue haben zwei Töchter, die er bald verheiraten will, weil er Enkel haben will. Und er will die reich verheiraten. Das war eine witzige Diskussion. Für ihn war das die normalste Sache der Welt, dass seine Schwiegersöhne reich sein MÜSSEN. Das konnte ich ja so nicht stehen lassen und hab dagegen gehalten, dass es kein Problem ist reich zu sein, aber als Kriterium für eine Partnerschaft absolut unsinnig ist. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter, als man mit Hochzeiten nur Macht, Geld und Einfluss steigern wollte. Naja, die Diskussion endete in einem Patt. Jeder von uns beiden ist immer noch überzeugt, dass er recht hat. Ganz nebenbei hat er mich ausgefragt, ob ich reich sei oder meine Familie... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Heute abend gibts eine große Party, deshalb fahre ich auch erst morgen und nicht heute schon. Mit viel Bier und einem Spanferkel und weil wir zuviele Leute sind (etwa 100), hat Uwe (Organisator) noch ein Lamm beim Bauern geordert, weil das Ferkel nicht reicht.
Bier und grillen, ein schöner Ausklang.
Chriss
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