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Jung und frisch

Moin,
 
hier bin ich mal wieder. Heute mal ohne weitere Reiseberichte oder aufregende Sachen, sondern mit einer Geschichte aus dem Buch: "Wie täusche ich mich selbst."
Vielleicht sollte ich die nicht schreiben, aber die ist zu witzig.
Wir haben eine Südkoreanerin bei uns, ziemlich schüchtern, aber eine nette Person. Ich arbeite mit der zusammen auf dem Vineyard, daher haben wir uns schon einige Male unterhalten. Irgendwann haben wir herausgefunden, dass sie bald 28 wird, also nur einen guten Monat jünger ist als ich. Dabei hat sie festgestellt, dass sie mit 28 schon Probleme mit den Beinen, dem Rücken und insgesamt dem Kreislauf hat. Ich hab mit 28 aber noch nichts. Mein ewiges Leiden mit dem großen Zeh, aber das ist ja nichts Wirkliches. Und der Grund, dass ich "so jung und frisch" aussehe liegt laut ihr nämlich darin, dass ich sie Asiatin und ich Europäer bin.
Dabei hätte ich es eher darauf geschoben, dass sie soviel wiegt wie ich, bei 1,60m oder an ihrem exessiven Zigarettenkonsum oder daran, dass sie konsequent jede Bewegung ablehnt. Und das auch noch selbst von sich sagst und verteidigt.
Jeder kann aussehen und machen, was er will, aber diese Selbsttäuschung hat mich überrascht. Soviel Allgemeinwissen muss sich doch aus bis Südkorea rumgesprochen haben, dass ein gewisser Lebenswandel auch seine Konsequenzen fordert.
Egal, diese Geschichte musste ich loswerden.
Was sonst noch. Es gibt immer noch Arbeit auf dem Weingut. Und ich wusste nicht, wieviel Arbeit es immer gibt. Zwölf Monate im Jahr ist etwas zu tun. Mit Ausnahme des Düngens wird alles per Hand gemacht. Vom Pflanzen übers Beschneiden, Aussortieren bis zum Pflücken. Unglaublich. Wein muss eine ganze Menge einbringen, wenn die das ganze Jahr über Tausende von Backpackern bezahlen können. Und die Besitzer der Weingüter sind immer die reichsten Menschen.
Nächste Woche fängt die Ernte an, mal schauen, wie das wird.
Das größte Problem beim Weinbau sind übrigens die Vögel. Und die werden mit ziemlich unkonventionellen Methoden ferngehalten.
Am langweiligsten ist immer noch die Methode, einfach Netze über die Trauben zu spannen. Aber das kostet ja wieder einige Tausend Backpackerarbeitsstunden, dazu die Netze und die Befestigungsschellen. Interessanter sind die Schreckschusskanonen. Der Name sagt schon alles. Am Rand der Weinfelder sind Kanonen aufgebaut, die regelmäßig große Schreckschussladungen abfeuern, um die Vögel fernzuhalten. Aber die Krönung ist, dass hier Leute rumfahren, um Kanninchen zu jagen. Die toten Tiere werden in den Weinstock gelegt, dann kommen irgendwelche Greifvögel, fressen die Kaninchen und halten die Vögel fern, die die Trauben fressen würden. Lecker so halbe Kaninchen auf dem Weg liegen zu sehen. Und die Jäger sehen aus, wie in Wild-West-Filmen. Hut, doppelläufige Schrotflinte, aber auf einem Quad und nicht per Pferd.,
Mein MP3-Player ist zu alt. Der hält nur etwa vier Stunden. Die anderen halten weit über zehn Stunden. Und auf der Arbeit hat man viel Zeit. Leider habe ich weder Geld für einen neuen, noch die Musik für einen großen. Bei dem 1GB Musik, den ich mithabe, kenne ich jedes Lied langsam auswendig. Bald kommen die Anfragen meinerseits, ob mir wer ein paar Alben per ICQ oder Skype schicken kann. Ein paar CDs habe ich noch, aber da muss ich immer andere Leute fragen, weil ich kein optisches Laufwerk am Rechner habe. Außerdem sind das die CDs von dem Vorbesitzer des Autos. Mal ganz witzig, aber auf die Dauer nicht meine Musik. Ebenso wie die Musik der meisten anderen Leute. Und wenn es mal gute Musik ist, haben die einen IPod. Für die nicht ganz so Interessierten: Apple hat einen eigenen Standard für seinen Onlineshop ITunes. Natürlich kann ich andere fragen oder mir das umwandeln lassen, die haben ja die Programme, aber das ist alles umständlich.
Ansonsten hab ich eben zum ersten Mal in meinem Leben Poker gespielt. Eher als Unterhaltung, als dass ich unbedingt Poker spielen wollte. Als eigentliches Spiel ist es ganz ok. Ein normales Kartenspiel eben, aber sobald man am Tisch sitzt, kehrt eine Stimmung wie in Wildwest-Filmen ein. Cool und lässig schmeißt man die Karten hin. Professionell aussehend spielt man mit irgendwelchen Sachen rum. Und die Sprache wandert vom einfachen Englisch in das amerikanisch-texanische Gebrabbel. Eine herrliche Komödie voller Selbstdarsteller.
Es ist halb 11. Ich gehe ins Bett. Morgen ist wieder Arbeit angesagt. Mehr Geschichten oder Fotos gibts irgendwann.
 
Gute Nacht
 
Chriss
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