Hallo
und noch ein Artikel. Wird schon fast viel.
Über die USA habe ich mich erstmal genug aufgeregt, das kommt später wieder. Jetzt ein trockenes innenpolitisches Thema: Steuern und Sozialversicherungen.
Wer möchte mehr Geld? Ich. Und ihr bestimmt auch auch. Genauso wie wahrscheinlich die Mehrheit der Bundesbürger. Theoretisch denke ich jetzt an die Beziehungen zwischen Wertschöpfung, Reallohn - Nominallohn, Inflation usw., aber mein Thema soll eher der Unterschied zwischen Brutto- und Nettolohn sein. Und bei dieser Differenz mehr die Sozialversicherungsbeiträge und weniger die Lohnsteuer.
Die Lohnsteuer handel ich mal eben kurz ab.
Ich finde unser System gar nicht so schlecht. Die Progression ist gut, die Höhe angemessen. Über höhere oder geringere Einstiegsgrenzen und einen flacheren oder steileren Verlauf kann man sich genauso streiten, wie über den Spitzensteuersatz bzw. eine Reichensteuer ab was weiß ich für einem Einkommen und ob diese dann zwei oder drei Prozent betragen soll. Kleinigkeiten, die immer wieder für Streit sorgen werden. Und über die in der Politik auch trefflich gestritten wird. Kritisch sehe ich nur die ganzen Ausnahmen und Sonderregelungen. Ich will keine niedrigere Lohnsteuer. Ich will eine einfachere Steuer. Den Freibetrag anheben, dafür viele Ausnahmen streichen. Aber da stehen wieder 300 Interessengruppen (nur ein anderes Wort für Lobbyistengruppen) auf der Matte, die ihre Macht ausspielen.
Aber dafür sind wir in Deutschland, dass wir für alles eine Extraregelung haben. Ist in einigen Bereichen gar nicht schlecht. In anderen doch...
ABER: Die Lohnsteuer verläuft ja progressiv, bis zu einem Einkommen von 52.882€ (Stand 2010). Ab da werden 42% Steuern fällig, bis 250.731€ und ab dann 45%. Soweit so gut. Die Kurve ist ja jedem mehr oder weniger bekannt. Die sagt dann logischerweise aus, dass man für jeden € Verdienst über 8.004€ einen gewissen Prozentsatz Steuern bezahlt. Soweit verständlich und logisch? Ich denke schon.
Aber jetzt kommen wir zu sehr mysteriösen Vorgängen bei den Sozialversicherungsbeiträgen. Der größte nennt sich Beitragsbemessungsgrenze. Der allgemeine Satz der Krankenkassenbeiträge liegt bei 15,5%. Ermäßigungen oder Zusatzbeiträge lasse ich der Einfachheit halber außer acht. Von den 15,5% tragen seit Anfang 2011 die Arbeitgeber 7,3 Prozentpunkte und die Arbeitnehmer 8,2 Prozentpunkte.
Kleines Zwischenspiel: Unabhängig von allen Diskussionen über die Gesamthöhe der Beiträge ist das alleine schon verdammt hart. Sobald das Prinzip der paritätischen Einzahlung, wie es vor einigen Jahren war, einmal durchbrochen ist, ist es nur noch ein kleiner Schritt, um immer mal wieder das ein oder andere Zehntel Prozent dem Arbeitnehmer anzulasten. Da wird wahrscheinlich weniger Aufheben drum gemacht, als eine Gesamterhöhung der Beiträge. Natürlich würde das den Kassen nicht mehr Geld bringen, aber die Arbeitgeber, und somit die Interessenverbände (=Lobbyisten) befriedigen.
Zurück zu den 8,2% seines Bruttolohns, die jeder Arbeitnehmer, der in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert ist, als Krankenkassenbeitrag jeden Monat abführt. Und zurück zur Beitragsbemessungsgrenze. Die liegt nämlich seit dem 1.1.2011 bei exakt 44.550€ Bruttogehalt im Jahr. Das bedeutet, dass bis zu diesem Betrag der Satz von 8,2% Krankenkassenbeitrag fällig wird. Für Lohn und Gehalt über diesem Betrag wird kein Beitrag mehr fällig. Wer also z.B. brutto 25.000€/Jahr verdient, bezahlt davon 8,2% Krankenkassenbeitrag = 2.050€/Jahr, bei 44.550€/Jahr sind es ebenfalls 8,2% nämlich 3.653,10€. Wer aber z.B. 60.000€/Jahr verdient, bezahlt nur für den Betrag bis 44.550€ den Beitrag von 3.653,10€/Jahr und für den Verdienst zwischen 44.550€ und 60.000€ nichts mehr. In diesem Fal sind es also nur ~6,1% seines Verdienstes. Bei 100.000€/Jahr sind es ebenfalls 3.653,10€, aber hier nur 3,6531% des Verdienstes. Will mir einer mal eben bitte erklären, wo der Sinn liegt? Die relative Gesamtbelastung eines Arbeitnehmers sinkt also, um so mehr er verdient. Suspekt.
Das Beispiel war jetzt an der Krankenversicherung, das Gleiche gilt aber auch für die Pflegeversicherung (Satz: 1,95%, Beitragsbemessungsgrenze 44.550€, Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch), Rentenversicherung (Satz: 19,9%, Beitragsbemessungsgrenze 66.000€, Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch) und die Arbeitslosenversicherung (Satz: 3,0%, Beitragsbemessungsgrenze 66.000€, Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch).
Und irgendwer muss mir noch etwas erklären: Wieso werden Leute, die am meisten verdienen damit belohnt, dass sie in eine andere Krankenkasse wechseln dürfen (privat), in den meisten Fällen weniger zahlen und dafür bessere Leistungen erhalten?